Die Regenmaus

Kindergeschichten

Die Regenmaus

Die Geschichte von der kleinen Maus und der Regenfee

Auf leisen Pfoten schleicht der König der Tiere -genannt Löwe – durch sein Königreich. Es ist Sommer und die Sonne steht hoch am Himmel, strahlend schön sendet sie ihre wärmenden Strahlen auf die Erde herab. Doch hier unten im Wald bieten die großen Blätter der hoch in den Himmel ragenden Bäume kühlen Schatten. Neben dem Weg fließt ein breiter, klarer Bach, der weiter vorne in einen Wasserfall mündet. Laut rauschend stürzt das Wasser dort in einen großen See, mitten im Wald. Das Wasser des Sees ist kristallklar und zahlreiche Fische in allen Farben des Regenbogens haben hier ihr Zuhause.
“Hallo Bär” ruft der Löwe und begrüßt seinen Freund, der mitten im See steht, um Fische zu fangen. Die kleine graue Maus am Wegesrand, die ihm schüchtern zuwinkt, beachtet er kaum. Niemand hier im Wald will mit diesem schwachen, winzigen Wesen befreundet sein, das tief unter der Erde im Dunkeln wohnt. Dann nimmt er Anlauf und mit einem riesigen Sprung stürzt sich der Löwe hinunter in das klare, kühle Wasser des Sees. Doch anstatt im Wasser landet der Löwe auf Sand und Stein. Der See ist ausgetrocknet. Wo sonst ein See war, ist jetzt nur noch Stein und Sand. Vor Schmerz brüllend erwacht der Löwe aus seinem Traum.

Immer öfter hat er diesen Traum jetzt, fast jede Nacht.
Mit einem Blick auf seine Kinder, die hinten in der Höhle schlafen und nichts von den Sorgen ihres Vaters mitbekommen, verlässt der Löwe seine Höhle. Die Höhle liegt hoch oben auf einem Berg mitten im Wald und der Löwe kann von hier aus sein gesamtes Königreich überblicken.

Traurig und schlecht gelaunt schaut er auf sein Königreich herab.
Um den Wald herum liegen riesige Felder, die sich unendlich weit ausbreiten, bis dahin, wo Himmel und Erde sich scheinbar treffen. Die Felder sind ausgetrocknet und der heiße Wind fegt große Sandwolken über die Felder hinweg. Die Blätter der Bäume sind welk geworden, braun und trocken und wo früher große Bäche geflossen sind, ist jetzt nur noch Schlamm und Stein. Selbst der riesige See hat nur noch wenig Wasser.
Seit langer, unendlich langer Zeit hat es nicht mehr geregnet und das Königreich des Löwen vertrocknet . Bald wird auch der See kein Wasser mehr haben und ohne Wasser wird nicht nur der Wald sterben, sondern mit ihm auch seine Tiere.
Mit lautem Gebrüll ruft der Löwe die Tiere zu sich. Eine Versammlung der Tiere und alle kommen: Der schlaue Fuchs, die weise Eule, der mächtige Hirsch, der starke Bär und viele mehr.
“Es muss etwas geschehen” brüllt der Löwe. “ Unsere Felder vertrocknen, die Fische in den Bächen sterben und bald haben unsere Kinder kein Wasser mehr. Was sollen wir tun”
Schweigend schauen die Tiere zu Boden, niemand sagt ein Wort, niemand weiss eine Antwort. Lange, sehr lange schweigen die Tiere. Bis die uralte weise Eule sich meldet. “Die Regenfee” sagt sie. “Nur sie kann uns noch helfen. In uralten Geschichten wird von ihr berichtet. Sie wohnt weit, weit hinter den Feldern, am Rand der riesigen Gebirge.”
Der Löwe schüttelt den Kopf. “ Das sind nur Märchen, keiner hat die Regenfee bisher gesehen. Und niemand würde den weiten Weg über die ausgetrockneten Felder überleben. Wer von uns würde sein Leben riskieren für eine so sinnlose Reise. So ein Blödsinn”
Mit diesen Worten schaut der Löwe in die Gesichter der Tiere, doch keiner hat den Mut, keiner sagt ein Wort.

Plötzlich ist in die Stille hinein ein zaghaftes Piepsen zu hören. “Ich könnte es schaffen” sagt die Maus. Erstaunt schauen die übrigen Tiere des Waldes auf die Maus herab, die bisher noch niemand bemerkt hatte. “Tief unter der Erde führen lange Wege zu dem Gebirge am Rand der Felder und dort unten ist es kühler. Dort unten hat die Sonne keine Macht. Ich würde es versuchen.”

Nach einer langen Pause beginnt der Löwe zu lachen und schon bald stimmen alle anderen Tiere mit ein. “Dieser Winzling, dieser lächerliche Zwerg, die Maus macht sich lustig über uns, verschwinde in deine dunkle Höhle” schallt es durch den Wald und laut lachend, aber traurig und verzweifelt eilen die Tiere zurück zu ihren Familien, ihren Kindern, die vielleicht bald kein Wasser mehr haben werden.
Nur die weise Eule bleibt zurück und schaut die kleine Maus fragend an: “Manchmal hat ein Löwe das Herz einer Maus und eine Maus das Herz eines Löwen. Ich selber bin für eine so weite Reise zu alt. Doch dir sage ich: alles ist besser, als auf den Tod zu warten.”
Mit diesen Worten fliegt die Eule davon und die kleine Maus bleibt einsam und verlassen zurück. Traurig geht sie in ihre Höhle tief unter der Erde zurück. Lange überlegt sie, während ihr die Tränen über das Gesicht laufen. “Alles ist besser, als auf den Tod zu warten”, die Eule hat Recht. Sie nimmt all ihren Mut zusammen, packt einen Rucksack für die weite Reise, ihre letzten Wasservorräte und ohne sich noch einmal umzuschauen, macht die kleine Maus sich auf den langen Weg. Weite, unendlich lange Wege führen unter der Erde entlang. Dunkel und voller Gefahren.
Und es ist einsam hier unten, so einsam und noch oft, sehr oft weint die Maus still vor sich hin. Doch niemand sieht ihre Tränen, hier unten im Dunkeln. Und so vergehen die Tage, die Wasservorräte sind verbraucht und langsam schwinden die Kräfte der Maus und auch ihr Mut. Doch immer wenn sie glaubt, nicht weiter zu können, hört sie in ihrem Innern eine Stimme, die zu ihr sagt: “Der Weg ist weit und schwer, doch du wirst es schaffen” und so läuft die Maus immer weiter, einsam und müde, immer weiter.

Und wirklich, eines Tages, als die Maus schon jede Hoffnung aufgegeben hatte, erblickt sie über sich in einer der unterirdischen Höhlen ein Licht und weiß: Sie hat ihr Ziel erreicht, die gewaltigen Gebirge am Rand der Felder. Doch was würde sie nun erwarten. Mit letzter Kraft, hungrig und durstig läuft sie nach oben ans Tageslicht und verlies das Dunkel der Erde. Vor sich sieht sie gewaltige Berge, die hoch in den Himmel ragen. Die Sonne brennt unbarmherzig auf die Felder herab und ratlos schaut die kleine Maus sich um. Nur Felsen, Steine und vertrocknete Felder. Sollte alles umsonst gewesen sein. Lange läuft die kleine Maus am Rand der Berge umher, suchend, verzweifelt und durstig. Bis sie irgendwann in weiter Ferne ein Rauschen hört, das Rauschen von Wasser. Immer lauter wird das Rauschen bis die Maus schließlich vor einem gewaltigen Wasserfall steht, der hoch oben von den Bergen herabfällt. Nachdem sie getrunken und sich erfrischt hat, wieder Kraft in der Kühle des Wassers gefunden hat, bemerkt die Maus etwas Seltsames. Hoch oben, wo der Wasserfall beginnt, glaubt sie ein Gesicht zu sehen, mitten im Wasser. Zögerlich klettert die Maus den Berg hinauf, immer höher und dann kann sie es schließlich sehen.

Dort wo der Wasserfall beginnt, steht ein Wesen. Es ist kaum zu erkennen, so zart und unscheinbar. Wie eine Fee, aber fast durchsichtig. Je näher die Maus kommt, desto besser kann sie es erkennen.

Das Wesen scheint durchsichtig zu sein, es hat keine festen Formen, zerfließt. Das Wesen scheint aus Wasser zu bestehen und plötzlich spricht es zur Maus: “Ich weiß, warum du hier bist, ich habe dich erwartet. Die kleine Maus mit dem Herz eines Löwen. Doch bist du auch bereit für den letzten Schritt?”
Zitternd erwidert die kleine Maus: “Wir brauchen Wasser, es hat seit Monaten nicht geregnet. Die Tiere des Waldes werden sterben. Wirst du uns helfen?”
“Ich kann es nicht, denn mein Reich ist hier in den Bergen. Aber wenn du bereit bist, mir zu dienen, auf immer und ewig, zeige ich dir den Weg.”
Noch lange sprechen die Maus und die Regenfee miteinander und zum ersten Mal in ihrem Leben hat die Maus das Gefühl, eine wirkliche Freundin gefunden zu haben, jemand der sie akzeptiert wie sie ist.

eines MorgensUnterdessen ist im Wald der Tiere der See fast ausgetrocknet, die Tiere leiden unter der Hitze und haben jede Hoffnung verloren. Doch schallt ein lautes Gebrüll durch den Wald. Der Löwe steht am Rand seiner Höhle und deutet auf den Himmel. In weiter Ferne ist ein seltsames, dunkles Gebilde am Himmel zu sehen.Der Löwe traut seinen Augen nicht, doch es scheint eine riesige, dunkle Wolke zu sein und sie hat die Form – die Form einer riesengrossen, gewaltigen Maus. Verwirrt schauen die erschöpften und durstigen Tiere des Waldes in den Himmel. Immer näher kommt das gewaltige Gebilde und jetzt erkennen es die Tiere genau. Es ist eine Regenwolke und seltsamerweise sieht sie aus wie eine Maus, eine gewaltige, riesengrosse Wolkenmaus. Die Wolke bleibt nun genau über dem Wald schweben und es fängt an zu regnen, immer stärker. Die Tiere jubeln und lachen und bleiben im Regen stehen. Und es regnet immer weiter, die Bäche füllen sich und das Wasser im See steigt immer höher, bis der See wieder gefüllt ist mit klarem, kühlem Wasser.
“Wir sind gerettet” jubelt der Löwe und schaut in den Himmel, wo aus der Wolke immer noch der langersehnte Regen die Bäche füllt und alles wieder zum Blühen bringt. Und irgendwie kommt ihm etwas bekannt vor, doch wie kann er eine Wolke kennen. “Blödsinn”, denkt er. Nur die weise Eule schaut in den Himmel und nickt wissend: “Die kleine, graue Maus mit dem Löwenherz, wir werden sie nie wiedersehen und doch ist sie bei uns”

Und so hat auch diese Geschichte ein glückliches Ende, wenn auch die Maus nie mehr gesehen wurde. Doch wenn du im Sommer, wenn es regnet, genau hinschaust, kannst du sie vielleicht hoch oben am Himmel sehen. Die kleine, graue Maus mit dem Löwenherz.